Magazinausgabe #4, Struktur & Kultur
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Duzen im Job: Zwei Buchstaben, mehr Nähe?

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„Siezen – boah, wie antiquiert!“ Inmitten der Diskurse um flache Hierarchien und mehr Vertrauen in der Arbeitswelt wirkt das distanzierte „Sie“ zunehmend als unzeitgemäß. Doch während Duzen über alle Ebenen und Altersstufen hinweg in neu gegründeten selbstorganisierten StartUps nichts Besonderes ist, kann es in lang bestehenden, sich nur langsam wandelnden Organisationen höchst irritierend daherkommen. Ist ein flächendeckendes „Du“ aber notwendig, um den Wandel zu mehr Vertrauen und Nähe in Teams zu unterstützen? Wer auf diese Frage eine eindeutige Antwort erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Wer aber Lust hat, sich gemeinsam mit mir Gedanken zu machen, sollte weiterlesen.

Letztens klingelte mein Telefon. Am anderen Ende der Leitung: das Mitglied eines fünfköpfigen Vorstandes, für den ich aktuell ein Projekt abwickle. Der Anruf kam eine halbe Stunde, nachdem der Vorstand und ich wieder einmal digital getagt hatten. „Ich rufe nur kurz an wegen einer Sache, die ich eigentlich lieber persönlich machen würde“, hörte ich den Anrufer sagen. „Aber da wir uns pandemiebedingt ja auch in den kommenden Wochen nie sehen werden, mach ich es auf diesem Wege: Ich wollte anbieten, dass wir uns Duzen.“ 

Man muss wissen: Zwei der Vorstandsmitglieder kannte ich bereits vorher und duzte sie. Zwei andere hatten in persönlichen Mails oder Zwiegesprächen mit mir vom Sie aufs Du gewechselt. Einzig der fünfte im Bunde und ich waren noch per Sie. Was mich nicht störte, aber natürlich auffällig war. Und dazu führte, dass ich bei Mails an alle fünf Vorstandsmitglieder immer mit vollständigem Namen unterzeichnete. 

Duzen im Job: Nicht immer ein Signal für Nähe

Mischen sich in einer Gruppe Du und Sie, so ist das meist kein Problem, wenn sich diese Unterschiedlichkeit mit Blick auf ein Organigramm begründen lassen. Konkret: Siezt eine Führungskraft alle Mitglieder ihres Teams (und umgekehrt), während sich die Kolleg:innen innerhalb des Teams duzen, fühlt sich das gelernt und richtig an. Schon etwas außergewöhnlicher kommt es in klassisch organisierten Betrieben daher, wenn Führungskräfte ihre Teams duzen – gerade dann, wenn alle anderen Abteilungen oder Arbeitsbereiche es anders machen. Bereits hier stellt man sich die Frage: Signalisiert dieses Du eine echte Nähe oder nutzt die Führungskraft bzw. das Team das Du als Versuch, ein Gemeinschaftsgefühl zu kreieren, das im Alltag nicht besteht?

Ganz verzwickt wird es, wenn eine Ungleichbehandlung besteht. Wenn eine Abteilungsleitung im Montagsmeeting nur bestimmte andere Abteilungsleiter:innen duzt oder auf der Baustelle die Bauleitung lediglich die junge Handwerkerin, nicht aber die restlichen Handwerker. Hier wird Sprache zum Instrument. Um Nähe zu signalisieren – oder mangelnden Respekt.

Duzen im Job: Manchmal sogar Manipulation

Manchmal dient das Du auch der Manipulation, wie ich selbst erlebt habe. Als mir ein deutlich ältere Personalleiter als junge Pressesprecherin nach nur zwei Monaten im Unternehmen das Du anbot, fühlt sich das merkwürdig an. Ich wusste nicht, ob es Vertrauen in meine Arbeitsleistung signalisieren oder eine schmierige Anmache sein sollte. Ich stimmte trotz der Verunsicherung zu – um nicht unhöflich zu sein. Schnell merkte ich dann: Das Du sollte eine Nähe schaffen, die ihn an mehr Informationen bringt. Wissen ist in der Arbeitswelt leider noch immer Macht – und dieser Mann wollte so viel Wissen wie möglich. Ich gab es ihm trotz der formell Vertrauen vortäuschenden Anrede nicht, die Zusammenarbeit wurde konfliktreich – am Ende stellte ich ohne Ankündigung wieder aufs Sie um. In Mails und in Besprechungen. Um Grenzen sichtbar zu machen. 

Lange Rede, kurzer Sinn: Es ist keine einfache Kiste mit der Ansprache im Berufskontext. Die aus meiner Sicht wichtige Entwicklung, Hierarchien abzubauen und lieber in Rollen statt in Positionen zu denken, macht das Ganze nicht leichter, jedenfalls nicht für bestehende Unternehmen.

Duzen im Job: Verbaler Startschuss für gewünschte Unternehmenskultur

Wird ein Unternehmen neu gegründet, so hat man es leicht: Man kann von Vornherein einheitlich das Du einführen. Aber wie ist das mit bestehenden Unternehmen? Mit Behörden? Wie soll man sich das vorstellen? Sagt der Geschäftsführer bei der Betriebsversammlung dann „Übrigens – ab heute wollen wir uns alle Duzen. Ich bin der Horst!“? Eine Haufe-Studie kommt zum Ergebnis, dass solch ein Vorgehen keine Jubelstürme in der Belegschaft auslöst. Von den 1.306 befragten Personen findet eine verbindliche Kultur des Duzens zwar mehr Zustimmung als eine verbindliche Siez-Kultur. Die mit großem Abstand stärkste Zustimmung findet jedoch ein Modell, bei dem der Arbeitgeber nichts vorgibt.

Aber es gibt sie, Organisationen, die radikal vom Sie aufs Du umstellen. Der Chef der Otto Group, Hans-Otto Schrader, hat das bereits 2016 gemacht. „Das Du ist ein äußeres Zeichen, dass etwas Neues beginnt, eine Art verbaler Startschuss für unser Projekt Kulturwandel 4.0.“ sagte er damals im Interview mit der Wirtschaftswoche. 2020 hat XING als vergleichsweise lebloses Karrierenetzwerk die förmliche Ansprache gestrichen. Zu den Beweggründen heißt es: „Das „Sie“ steht für eine hierarchische Denk- und Arbeitsweise, mit der wir uns bei XING nicht mehr identifizieren können. In der Zukunft der Arbeit sollte sich unserer Meinung nach niemand mehr aufgrund des Alters oder der Position wichtiger fühlen dürfen als irgendjemand anderes. Das „Du“ schafft Nähe und eine emotionale Verbundenheit, die auch in einem professionellen Umfeld zu einem signifikant besseren Miteinander führt. Schließlich kommt man mit dem „Du“ deutlich leichter zum „Wir“ als mit dem traditionellen „Sie“. 

Die radikale Entscheidung für das Du – auch in Stellenanzeigen oder auf der Website – ist in diesen Zeiten ein unternehmenskulturelles Statement. Dick unterstrichen und mit drei Ausrufezeichen steht zwischen den Zeilen: „Seht her, wie wollen anders arbeiten als bislang. Emotionaler, näher, weniger hierarchisch.“ Wie bei allen Maßnahmen in einer Organisation kommt es dann aber darauf an, diesem Versprechen im Alltag auch gerecht zu werden. Ein Du allein schafft keine Augenhöhe, keine wertschätzende Verbundenheit. Das schaffen Taten.

Duzen im Job: Manchmal ein Geschenk

Daher ist es aus meiner Sicht nicht zwingend nötig, eine radikale Änderung vom Sie zum Du beschließen, um sich als Unternehmen mehr und mehr einer bedürfniszentrierten neuen Arbeitswelt anzunähern. Schafft man es auf andere Art und Weise Wertschätzung, Nähe und Augenhöhe ins Teams zu bringen, kommt das Du von ganz allein – und ist dann auch authentisch. Und selbst wenn nicht, ein Sie steht einer empathischen und konstruktiven Zusammenarbeit nicht im Wege.

Ach ja, über den eingangs erwähnten Anruf freute ich mich übrigens sehr. Weil solch ein bewusster höflicher Umgang mit dem Wechsel vom Sie aufs Du selten geworden ist. Weil ich ihn in diesem konkreten Fall tatsächlich als Vertrauen in meine Arbeit empfand. Als Geschenk. Ein Geschenk, dass es beim inflationären Gebrauch der Anrede Du nicht mehr geben wird.

Kategorie: Magazinausgabe #4, Struktur & Kultur

von

Sandra Lachmann

Eltern können keine verantwortungsvolle Position ausüben und gleichzeitig ihr Familienleben jongliere? „Von wegen!” meint Sandra. Wenn Unternehmen entsprechende Rahmenbedingungen bieten, klappt das ihrer Ansicht nach ganz wunderbar. Bei nine to life macht die Bremer Kommunikationsexpertin Bedürfnisse berufstätiger Eltern sichtbar, gibt Gedankenanstöße, wie Organisationen ihren Arbeitsalltag familienfreundlicher gestalten können, und widmet sich dem Thema Mentaler Gesundheit. Außerdem verantwortet sie die Projektkommunikation. LinkedIn | Instagram | Website

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