Magazinausgabe #4, Struktur & Kultur
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Wir müssen reden!

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In allen zwischenmenschlichen Beziehungen geht es um das Zusammenspiel von Distanz und Nähe. Die von Corona deutlich verstärkte räumliche Distanz wirkt auf unseren beruflichen Kontext und stellt eine alte Herausforderung an Führungskräfte in einen neuen Fokus: Nähe herstellen durch kommunizieren, kommunizieren, kommunizieren. 

Wer von Euch kennt den Zustand, mit einer:m Partner:in in einer längeren Beziehung zu leben? Ich vermute, die Mehrzahl. All jenen können davon ausgehen, Expert:innen im Umgang mit Distanz und ihrem Gegenstück, der Nähe, zu sein oder mindestens bereits Erfahrungen damit gesammelt zu haben. Und das wird zukünftig auch im Arbeitsleben helfen, denn neben der eigentlichen Tätigkeit stehen immer Beziehungen im Mittelpunkt. Beziehungen zur Firma als Arbeitgeber, zum Vorgesetzten oder der Chefin, zu den Kolleg:innen, Kund:innen und Lieferant:innen. Beziehungen sind zwischenmenschlich und somit auch im Arbeitsleben das Bindemittel zwischen allen wichtigen Inhalten, Zielen, Strategien und Herausforderungen.

In Zeiten von Corona versuchen die meisten von uns auf unterschiedliche Weisen mit der neu entstandenen Distanz, ob räumlich oder gefühlt, umzugehen. Weil wir müssen.

Von räumlicher und emotionaler Distanz

Nehmen wir uns zuerst die räumliche Distanz vor. Wir sitzen im Homeoffice. Und viele finden das gar nicht so schlecht. So hat die Studie „The Future is Hybrid“ vom geschätzten SHIFTCOLLECTIVE herausgefunden, dass der Trend ganz klar zum 3+2-Modell geht. Drei Tage im Büro und zwei Tage Homeoffice (oder umgekehrt) ist das deutlich bevorzugte Modell, so ein Kernergebnis der Umfrage. Die Folge wird eine Umgestaltung der Büroräume vieler Firmen sein, die entsprechend mit bis zu 50% weniger Kolleg:innen in der Präsenzarbeit rechnen. Zudem eine Ausgestaltung der Homeoffices mit besseren Möbeln, besserer Technik, teilweise in komplett neu oder anders genutzten Räumen. 

Was uns zum nächsten Phänomen führt. In vielen Städten ist die Nachfrage nach mehr Wohnraum, nach größeren Wohnungen, eine direkte Folge. Ein Raum mehr für ein separates Homeoffice ist der akute Bedarf. In Städten wie Hamburg ein echtes Problem, weil es dort diesen bezahlbaren Wohnraum nicht gibt. Die Folge ist in der aktuellen brand eins/ Thema „Wir bauen um“ beschrieben. Kleinstädte und Gemeinden im äußersten Speckgürtel boomen dank des Homeoffice-Trends. Statt des „15-Minuten-Quartiers“, in dem sich alles in einer Viertelstunde bequem erreichen lässt, gibt es zur Überraschung vieler Kommunen im Umland eine neue Schallgrenze: „In den kommenden Jahren wird jeder Standort interessant, von dem aus der Arbeitsplatz innerhalb einer Stunde erreichbar ist.“ – so wird dort Olaf Arndt von Prognos zitiert. Fazit: Die räumliche Distanz wird langfristig wachsen. Und Unternehmen werden auch damit umgehen müssen.

Unternehmen? Heißt: Die Menschen in den Unternehmen. Aus der räumlichen Distanz entsteht natürlich eine menschliche, emotionale Distanz. Und bevor die Führungskräfte als Verantwortliche zur Gestaltung der veränderten Rahmenbedingungen ins Spiel kommen, gilt es zunächst, einmal mit der negativen Konnotation dieses Begriffes aufzuräumen. Denn schließlich ist es ja nicht so, dass Menschen sich grundsätzlich besser fühlen und sich mehr mögen, je näher sie sich sind. Und auch Distanzlosigkeit ist nicht die Lösung, wie jeder aus dem Kontakt mit übergriffigen Zeitgenossen gelernt hat.

Von Führungskräften als Kommunikatoren

Aber im beruflichen Kontext geht es darum auch nicht. Vielmehr geht es in der Gestaltung von Arbeitsbeziehungen schon immer um funktionale Informationsflüsse in alle Richtungen, also top-down, bottom-up und auch lateral. Diese sind einerseits über Berichtswege und Entscheidungskompetenzen formal angelegt. Andererseits läuft viel Kommunikation auch informell, z.B. über den kurzen Dienstweg, der so manchen Arbeitsprozess beschleunigt, weil sich Probleme über zugetane Kolleg:innen eben leichter lösen lassen. Und für beide Kommunikationsarten müssen Führungskräfte Angebote schaffen, um Distanz zu überwinden und die notwendige Nähe im Unternehmen, in Teams und zwischen Kolleg:innen herzustellen. Und das geht, indem man für Kommunikation sorgt, und zwar eher mehr als weniger. 

Hybrid arbeiten: Ideen zur Umsetzung gibt Marc im Artikel über die Struktur bei Vitra

Ich muss als Führungskraft mehr kommunizieren und mehr Aufmerksamkeit darauf lenken, wo meine Kolleg:innen und Mitarbeiter:innen Bedürfnisse signalisieren. Dafür brauche ich echtes Interesse und eine hohe Priorität für Kommunikation. “Mal eben so nebenbei” wird als Gegenteil von Wertschätzung wahrgenommen. 

Und ich sollte als Führungskraft für mehr Regelkommunikation sorgen, um die ausfallenden Gespräche an der Kaffeemaschine oder das Update im Treppenhaus zu kompensieren: Durch mehrere kleine, kurze Meetings, am besten zu Tagesbeginn. Innerhalb des Teams, unter Führungskräften, zwischen Geschäftsbereichen.

Communication is Key – das gilt heute mehr als je zuvor. Und auch das kennen wir ja aus unseren Beziehungen…

Kategorie: Magazinausgabe #4, Struktur & Kultur

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Marc war Werber bei Jung von Matt, bis seine Töchter das Licht der Welt erblickten und er der Familie den Vorzug vor einer 70-Stunden-Woche gab. Heute ist er Geschäftsführer von www.futurzwei.de. Seine Kunden schätzen den diskursiven Beratungsstil und den scharfen Blick für pragmatische Problemlösungen in Strategie- und Organisationsprozessen sowie Stadtentwicklungsprozesses. Bei nine to life vertritt er die Perspektive von Führungskräften, die sich permanent neuen Anforderungen an Führung, Zusammenarbeit und Organisation stellen müssen. LinkedIn | Instagram |

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