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Welchen Preis hat Karriere?

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Es gibt immer mehr Männer, die Headhuntern absagen oder zugunsten einer längeren Elternzeit einen Karriereknick riskieren – und damit auch auf viele Euros verzichten. Wenn Erfolg aber nicht mehr nur in Euros gemessen werden kann, worin denn dann? Auf diese Antwort wollten wir eine explizit männliche Antwort haben. Severin Maier hat uns seine gegeben.

Geld ist und bleibt in unserer Gesellschaft ein großes Thema, auch wenn viele versuchen, es zu keinem großen Thema werden zu lassen. Und seien wir ehrlich: Viele (vermeintliche) Aussteiger-Lifestyles sind alles andere als günstig, das Leben und Wohnen in vielen Gegenden Deutschlands sowieso nicht. Diese Tatsache prallt auf ein verändertes Verständnis unserer Arbeitswelt und -kultur sowie auf das Selbstbild vieler Menschen, wie sie sich beispielsweise als Eltern sehen. Man kann ziemlich sicher sagen, dass nicht wenige flexibler und sogar weniger arbeiten wollen, um mehr vom Leben zu haben, auch wenn Arbeit natürlich Spaß machen und erfüllend sein kann.

Ich selbst habe einen akademischen, jedoch keinen klassischen geraden Lebenslauf: Die Schule mit 18 und einem sehr guten Abitur beendet, Studium straight durchgezogen und dabei idealerweise zwei Auslandssemester und zig Praktika absolviert – all das findet man in meinem Lebenslauf eher nicht. Ich habe in der Schule Ehrenrunden gedreht, bin viel umgezogen. Mein Jurastudium habe ich aus freien Stücken beendet und bin meiner Passion gefolgt, indem ich Politikwissenschaften und Öffentliches Recht studiert habe. Mittels zweier Stipendien konnte ich dann meinen Master in Politics, Administration & International Relations an der privaten Zeppelin Universität Friedrichshafen abschließen. Nebenjobs gab es etliche, von Regale einräumen bis zu Drittmittelforschungsprojekten war alles dabei. Direkt aus der Uni habe ich bei meinem jetzigen Arbeitgeber angefangen und vertrete die Interessen von über 200 Unternehmen aus der Kommunalwirtschaft in Baden-Württemberg. Eine Arbeit, die mir wirklich große Freude bereitet.

Als ich begonnen habe zu arbeiten, hatte ich ehrlich gesagt kaum konkrete Vision von meinem beruflichen Werdegang. Ich hatte zwar grobe Vorstellungen, die man wohl gemeinhin durch Sozialisation mitbekommt, wohin die Reise gehen kann: Die Leiter rauf klettern, irgendwann einmal Führungskraft sein. Ob das zu mir als Typ unbedingt passt, da war ich schon immer skeptisch. Ich suche und brauche, zumindest thematisch, immer neue Herausforderungen.

Arbeit als Werkzeug, nicht als Sinn

Schlussendlich wurde durch die Geburt meiner Tochter deutlich, was ich ohnehin schon immer spürte und wusste: Ich definiere mich nicht alleine durch meine Arbeit, sondern sehe sie eher als „Werkzeug“, um meine Vorstellungen vom Leben realisieren zu können. Klar, ich will Spaß an meiner Arbeit haben, aber nicht nur für die Arbeit leben. Meine Arbeit soll zum Leben passen und nicht mein Leben zu meiner Arbeit.

Blickt man mit dieser Einstellung auf eine mögliche Karriere, wird es schon schwierig. Zumindest wenn wir an den, in meinen Augen überkommenen, gesellschaftlichen Vorstellungen einer Karriere festhalten: Immer weiter aufsteigen, möglichst viel Personalverantwortung, steigende Boni und Terminkalender, in denen Familie und Freizeit eben auch nur noch Slots sind. Genau das habe ich immer mit einer Karriere verbunden und bin der Meinung, dass es nicht zwingend so sein muss. Karriere kann und sollte auch das sein, aber durchaus flexibler gestaltet und mit mehr Sinnhaftigkeit: Was habe ich erreicht? Kam das Erreichte nur mir zugute oder auch anderen oder gar der Gesellschaft? Welchen Preis haben ich, meine Familie und Freund:innen für diese Karriere bezahlt? Heute verbinde ich mit Karriere, diese Fragen für mich zufriedenstellend beantworten zu können. Ich habe einen verantwortungsvollen Job, der sich mit meinem Privat- und Familienleben vereinbaren lässt, der mir und meinen Mitmenschen zugute kommt und der es ermöglicht, ein engagierter Ehemann und Vater zu sein.

Geld ist wichtig, Impact aber auch

Geld ist mir persönlich wichtig und es wird kaum jemand bestreiten, dass eine entsprechende Vergütung Teil eines Karriereverständnisses ist. Geld ist für mich von Bedeutung, weil es schlicht und ergreifend für viele meiner Wünsche nötig ist. Das kann sich aber demnach auch von Individuum zu Individuum unterscheiden. Es ist aber auch schlicht aus der Perspektive partnerschaftlicher und elterlicher Verantwortung nötig, denkt man bspw. an die private Altersvorsorge oder ein Startkapital für den eigenen Nachwuchs. Geld ist für mich letztlich wie Arbeit eine Art Werkzeug, um andere Ziele erreichen zu können. Schlussendlich ist es in unserer Arbeitswelt einfach auch eine Form der Anerkennung der eigenen Leistung – und leider in vielen Jobs noch ein Schlag ins Gesicht, wenn man z. B. an die Vergütung in Pflegeberufen denkt. Erfolg sollte nicht nur mit Blick auf eingenommenes Geld gemessen werden, sondern welche Ziele erreicht wurden und welchen Impact die Tätigkeit für unsere Gesellschaft hat.

Zwischen unserer heutigen Arbeitswelt und -kultur sowie den sich ändernden Anforderungen an, aber auch Selbstbildern von, Familie und Männern ergibt sich ein breites Spannungsfeld. Viele Männer müssen und wollen mehr Verantwortung für die Familie übernehmen, in der Folge also unter anderem weniger arbeiten. Zugleich wird das Leben in vielen Regionen Deutschlands immer teurer. Wer nach z. B. München, Heidelberg, Freiburg, Frankfurt oder Hamburg zieht, weiß wovon ich schreibe.

Männer wollen alte Strukturen aufbrechen

Ich beobachte, auch in meinem Freundeskreis, immer mehr Männer, die gerne alte Strukturen aufbrechen wollen, aber an diesen auflaufen: Du willst Elternzeit nehmen? Tja, dann bekommst du eben nicht die Beförderung. Du willst deine Arbeitszeit reduzieren? Geht zwar vom Arbeitgeber aus, aber mit dem Teilzeitjob der Partnerin (Frauen stecken immer noch viel zu oft in der Teilzeitfalle!) reicht dann das Geld nicht mehr, um den Kredit abzubezahlen. Du willst Eigentum erwerben? Dann müssen es schon zwei Vollzeitstellen sein, am besten jeder 110%. Was passiert mit den Kindern? Nun, entweder keine kriegen oder sich anhören, dass es doch ein Unding ist, sie früh oder überhaupt in die Fremdbetreuung zu geben. 

Ich vermute, dass es immer mehr Männer gibt, die nicht nach patriarchalen Rollenbildern leben wollen, aber an den strukturellen Bedingungen scheitern. Das betrifft damit indirekt auch deren Partnerinnen. Die finanzielle Verantwortung landet in der Folge unter anderem immer noch hauptsächlich bei Männern, weil Frauen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bzw. Karriere noch viel zu viele Steine in den Weg gelegt werden. Von mehr Gleichberechtigung und Unterstützung für Frauen würden auch Männer profitieren.


Severin Maier ist Familienvater und in einem Verband der Kommunalwirtschaft tätig. In seiner Funktion als Referent der Geschäftsführung vertritt er die Interessen von mehr als 200 Unternehmen und berät diese u.a. zu Fragen des Personalmanagements, der Arbeitgeberattraktivität, der Führung und New Work. LinkedIn

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