Wie beurteilen Führungskräfte im Krisenjahr 2020 den Status quo zum Thema Selbstbestimmung in ihrer jeweiligen Organisation? Das wollten wir wissen und haben sie kurzerhand befragt. Ein zentrales Erkenntnis unserer Umfrage „My job, my rules?!“, an der über 200 Führungskräfte teilgenommen haben: Home Office allein befriedigt den Drang von Arbeitnehmer*innen nach selbstbestimmten Arbeiten noch nicht.

87,9% aller befragten Führungskräfte wünschen sich, dass selbstbestimmtes Arbeiten in ihrer Organisation stärker in den Blick genommen wird. Auf den ersten Blick überraschend, geben zwei Drittel doch auch an, dass Selbstbestimmung bei ihnen bereits gelebt wird. Wie lässt sich dieser Wunsch nach mehr also erklären?

87 % wünschen sich mehr Selbstbestimmung in ihrem Unternehmen.

Zum einen damit, dass Selbstbestimmung in den meisten Unternehmen mit Home Office gleichgesetzt wird. Mitarbeiter*innen von zuhause arbeiten zu lassen, befriedigt die Bedürfnisse nach einer neuen flexibleren Form von Arbeit augenscheinlich nicht. Und auch die Herausforderungen für Führungskräfte, die mit Home Office einhergehen, bleiben für viele noch ungelöst. Das zeigt ein Blick auf die Fragestellungen, denen sie sich derzeit vorwiegend widmen möchten bzw. müssen.

Home Office und flexible Arbeitszeiten spielen hier die Hautrolle. Die ortsunabhängige Organisation eines Teams, die Stärkung des Teamzusammenhaltes über physische Distanz und die Frage nach einer sinnvollen Aufteilung zwischen Home und Office sind wesentliche Themen. Flexible Arbeitszeiten werfen ähnliche Fragen auf. Wie manage ich die Teamabsprache und stärke den Teamzusammenhalt trotz unterschiedlicher Arbeitszeiten? Und wie manage ich dies aus Teilzeit heraus? (Lesetipp: Einen Überblick über arbeitsrechtliche Aspekte des Home Office gibt es in diesem Artikel)

Führungskräfte 2020: Gratwanderung zwischen Kontrolle und Freiraum

Dass selbstbestimmtes Arbeiten aber eben nicht bei ort-  und zeitunabhängigem Arbeiten endet, zeigen weitere Themenschwerpunkte, denen sich Führungskräfte aktuell annehmen. Wie befähige ich mein Team zu eigenverantwortlichem Arbeiten? Wie integrieren wir als Team individuelles Feedback? Wie erfülle ich persönliche Bedürfnisse und behalte trotzdem im Hinblick auf Wirtschaftlichkeit den Überblick über Arbeitszeit und Leistung? Selbstbestimmtes Arbeiten wird hier häufig (noch) als eine Gratwanderung zwischen Kontrolle und Freiraum gesehen.

Von vielen Führungskräften aktuell ebenfalls in den Blick genommen: der organisatorische Teil, der mehr Selbstbestimmung ermöglichen soll. Dazu zählt die Frage nach der beruflichen Weiterentwicklung von Mitarbeitenden ohne klassische Hierarchiemuster und Karriereleitern, sowie das Konfliktmanagement zwischen unterschiedlichen Auffassungen von der Durchsetzung neuerer Arbeitsmethoden im Unternehmen bis hin zu einer gelungenen unternehmensinternen Kommunikation in Bezug auf Themen des Neuen Arbeitens.

Klärungsbedarf bei Führungskräften, Vorbehalte an der Spitze

Es gibt also noch viel Klärungsbedarf – aber auch Kärungswille! Entsprechend nutzen Führungskräfte täglich (!) einschlägige Informationsquellen wie Podcasts, Soziale Medien oder Magazine, um Inspiration und Wissen zu bekommen. Auch das haben wir in unserer Umfrage herausgefunden.

Doch mehr als die Hälfte von ihnen sehen sich gleichzeitig mit einer Unternehmensspitze konfrontiert, die Neuem und selbstbestimmtem Arbeiten Misstrauen entgegenbringt. 59,2% der Führungskräfte, deren Organisation keine Maßnahmen zum selbstbestimmtem Arbeiten anstreben, geben an, dass das an Vorbehalten innerhalb der Geschäftsführung läge. Hier wird häufig ein Konfliktpotential zwischen „new work“ und „old school“ beschrieben. (Lesetipp: Wie es anders gehen kann, lebt der Geschäftsführer der Jugendherbergen im Nordwesten vor)

Selbstbestimmung wirkt sich positiv aus

Dass Kreativität für vielfältigere Arbeitsmethoden und Vertrauen in die Mitarbeiter*innen seitens der Geschäftsleitung sich lohnen, zeigt ein Blick auf die positiven Effekte, die Führungskräfte erkennen: Nahezu jede*r Dritte erlebt das Betriebsklima als deutlich verbessert. Auch Fluktuation und Krankheitsrate hätten abgenommen – ein wirtschaftlich sehr relevanter Punkt.

71,6% erleben, dass mehr Selbstbestimmung das Betriebsklima verbessert.

Fazit unserer Umfrage: Der Wille ist da! Viele Führungskräfte würden gern (noch) mehr Selbstbestimmung in die Arbeitswelt bringen. Was sie oft hindert: Das Misstrauen der Unternehmensspitze und ein Mangel an konkreten Ideen, wie sie die Unternehmenskultur und -struktur entspechend gestalten können.

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Das waren die Befragten unserer Umfrage 2020:

An unserer Umfrage nahmen 64,9% weibliche Führungskräfte und 35,1% männliche Führungskräfte teil. Mehr als die Hälfte der Befragten sind zwischen 31 und 40. 70,8% der Befragten haben Kinder.

51,4% der Führungskräfte führen ihr Team seit mehr als einem halben, aber weniger als fünf Jahren, 42,7% haben länger als fünf Jahren ihre Position inne. Fast die Hälfte der befragten Führungskräfte führen ein Team mit 5 bis 15 Mitarbeiter*innen.

33% der befragten Führungskräfte arbeiten in einem Unternehmen, welches mehr als 500 Mitarbeitende beschäftigt. Bei 22,7% der Befragten umfasst die Größe des Unternehmens in Personen 101-500 Mitarbeitende.