Blick in die Praxis, Magazinausgabe #2, Struktur & Kultur
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Alternative Arbeitszeitmodelle: Außerhalb des Büros Mangelware

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Alternative Arbeitszeitmodelle? In manchen Branchen kann man darüber nur müde lächeln. Ich habe eine Hotelfachfrau und eine Neurologin getroffen, um mit ihnen über Vereinbarkeit zu sprechen. Die beiden haben mir geschildert, wie sich kurzfristige Dienstpläne und Schichtmodelle auf ihr Privatleben auswirken.

Wenn wir von neuen Arbeitszeitmodellen sprechen oder mehr Möglichkeiten für Vereinbarkeit, dann denke ich eigentlich immer an klassische Büroarbeit. An Menschen, die sich mit Projekten befassen und rein theoretisch ihre Zeit selbst einteilen können. Selbsteinteilung wird nämlich oft mit Selbstbestimmung gleichgesetzt und im Allgemeinen gehen wir davon aus, dass Gleitzeit, Vertrauensarbeitszeit oder auch Home Office mehr Raum für Vereinbarkeit und das Leben neben der Arbeit schaffen. 

Was in der Debatte aber oft fehlt, sind die Berufe, bei denen das gar nicht möglich ist. Es gibt Berufe, in denen eine Schicht die andere ablöst, in der der Arbeitsalltag nicht vorhersehbar ist, in denen Notfälle zum täglichen Geschäft gehören. Wie können in diesen Berufen Arbeitszeitmodelle neu gedacht und für Arbeitnehmer*innen freundlicher gestaltet werden? Um mir ein besseres Bild zu machen, habe ich mit Maria und Elisabeth gesprochen.

Lebens- und Arbeitssituation der Interviewpartner*innen >>

Maria ist Neurologin an einer großen deutschen Uniklinik. Dort arbeitet sie seit 2015 und hat im Rahmen ihrer Facharztausbildung verschiedene Stationen durchlaufen, u.a. die Intensivmedizinische Abteilung und die Notaufnahme für Schlaganfälle. Aktuell arbeitet Maria zwei Tage in der Woche auf Station und verbringt die verbleibenden drei Tage in einem interdisziplinären Zentrum, wo Patient*innen teilstationär und stationsübergreifend behandelt werden. Laut Vertrag hat Maria eine 40-Stunden-Stelle.

Elisabeth ist gelernte Hotelfachfrau und hat diesen Beruf neun Jahre lang in Vollzeit ausgeübt. Insgesamt hat sie an fünf verschiedenen Standorten in Deutschland und Österreich gearbeitet, darunter sehr chice Adressen und Boutique-Hotels. Zuletzt hatte sie einen Job in der Veranstaltungsbranche. Mit wachsendem Kinderwunsch ist Elisabeth ins Office Management eines mittelständischen Unternehmens gewechselt, wo sie eine 40-Stunden-Stelle zwischen 8 und 16 Uhr ausfüllt. Aktuell befindet sie sich in Elternzeit und wird danach voraussichtlich mit 30 Stunden in der Woche dorthin zurückgehen.

Es hat mich interessiert, wie die Arbeit in einer Uniklinik und einem Krankenhaus praktisch aussieht und was für einen Einfluss sie auf den Alltag der Ausübenden haben. Die interessanteste Erkenntnis direkt vorab: beide Frauen sind Anfang 30 und arbeiten nicht mehr in den gleichen Arbeitsmodellen, in denen sie ursprünglich ihre Karriere begonnen haben. Sie haben sich aktiv nach etwas anderem umgeschaut, um mehr vom Leben außerhalb der Arbeit zu haben. Obwohl, das sagen beide auch ganz deutlich, sie in ihren Jobs und deren Aufgaben aufgegangen sind. Beim Durchlesen des Interviews scheinen Lösungen für mehr Selbstbestimmung und flexiblere Arbeitszeitmodelle auf der Hand zu liegen. Doch die Umsetzung ist häufig komplexer, als es zunächst den Anschein hat.

Erzählt doch mal, wie sieht ein normaler Arbeitsalltag als Neurologin bzw. Hotelfachfrau aus?

Elisabeth (Hotelfachfrau): Wenn ich im Service gearbeitet habe, ging es teilweise bereits um 5:30 Uhr mit den Vorbereitungen fürs Frühstück los. Entsprechend früh habe ich das Haus verlassen. Eine normale Schicht ging dann bis 14:00 Uhr, aber ich bin selten vor 16/17 Uhr aus dem Hotel rausgekommen, denn wer weiß schon im Voraus, wann der letzte Gast zum Mittagsgeschäft eintrifft und man die Nachbereitungen erledigen kann. Der Gast kommt natürlich immer als erstes und alles andere muss warten, bis man Zeit hat. Was hinter den Kulissen noch alles zu tun ist wird meist völlig außer Acht gelassen und die nachfolgende Schicht hat mit ihren Vorbereitungen wieder genügend zu tun, sodass keine großen Übergaben stattfinden können. Hat man eine feste Stelle an der Rezeption, sind die Arbeitszeiten etwas geregelter, aber es bleiben nach wie vor Schichtdienste. Eine 40-Stunden-Woche hatte ich eigentlich auch nie wirklich. Meistens waren es ca. 50 Stunden in der Woche.

Maria (Neurologin): Im Arztberuf sind die Schichten sehr vom Krankenhaus und der jeweiligen Station abhängig. Grundsätzlich gibt es Früh-, Spät- und Nachtschichten. Als ich noch im Schichtdienst war, gingen viele meiner Schichten offiziell von 7:45 bis 15 Uhr, dies für eine ganze Woche, bis dann eine neue Schichtverteilung begann. Allerdings gab es wenige Tage, an denen ich wusste, wann ich die Klinik verlassen kann. Wenn um halb drei noch ein Fall reinkam, kümmerte man sich selbstverständlich um ihn. Zum Ende der Schicht gab es dann eine Übergabe mit den Ärzten der nächsten Schicht, bei der auch die Oberärzt*innen der Station ihre Entscheidungen zu den aktuellen Fällen abgaben. Wenn ich diese verpasst hätte, wüsste ich am nächsten Morgen nicht, was zur Weiterbehandlung der Patient*innen beschlossen wurde. So kam ich schnell auf 60 Arbeitsstunden in der Woche.

Wie haben sich eure Jobs auf eure Privatleben ausgewirkt?

Elisabeth (Hotelfachfrau): Oft war keine Zeit für anderes, denn ich musste ja am nächsten Morgen wieder früh raus. Hatte ich Spätschicht, kam es nicht selten vor, dass ich nicht vor 1 Uhr nachts Feierabend hatte. Anschließend sind wir oft noch etwas trinken gegangen und haben die Nacht zum Tag gemacht – die meisten Freunde und Bekannte waren natürlich auch aus der Gastro, denn andere hätten kein Verständnis dafür gehabt, wenn man erst zwei Stunden später zu einer Verabredung kommt. In jungen Jahren geht das, aber irgendwann wollte ich einen normalen Alltag, auch weil ich nicht mehr so gut am Tag schlafen konnte. Der ganze Biorhythmus gerät dann durcheinander. 

Maria (Neurologin): Wie in jedem Job gab es Tage, an denen ich einfach nach Hause gekommen bin und mich aufs Sofa habe fallen lassen. Nie im Leben hätte ich eine Verabredung auf Schichtende gelegt, denn ich wäre die meiste Zeit zu spät gekommen. Es war grundsätzlich schwer einzuschätzen, wieviel Energie ich am Ende eines Dienstes noch haben werde. Das bringt der Arbeitsalltag in einer großen Klinik und der Schichtdienst mit sich.

Im Schichtdienst wird mit Dienstplänen gearbeitet, die vorher an die Mitarbeitenden verteilt werden. Wie hat das bei euch funktioniert und wie verlässlich waren diese Pläne.

Elisabeth:  Bei uns kamen die Schichtpläne immer eine Woche im Voraus. Für mein Privatleben bedeutet das , dass ich Verabredungen und Arzttermine nur schlecht planen konnte. Für besondere Anlässe wie Familiengeburtstage habe ich Urlaub genommen, auch wenn ich an dem Tag vielleicht sowieso freigehabt hätte. Man weiß es im Voraus einfach nicht. Natürlich können Wünsche geäußert werden, aber da kann dann schnell passieren, dass diese nicht umgesetzt werden können, weil zum Beispiel anderer Mitarbeitende krank geworden sind.

Maria: Eine lange Zeit lang hatte ich fünf Wochen lang Dienst und dann eineinhalb Wochen frei. Immer eine Woche Früh-Spät-Nacht, dann Zwölf-Stunden-Dienste am Wochenende.Ich war damals neu in meiner Stadt und kannte niemanden. Als Ausgleich hätte ich gerne regelmäßig Sport gemacht und mich in einem Chor angemeldet, auch um Leute kennenzulernen. Aber durch die vielen Dienste konnte ich nicht zuverlässig beispielsweise jeden Mittwoch um 20 Uhr an einem festen Termin teilnehmen. Das hat mich sehr eingeschränkt. Schichtdienste rauben unglaublich viel Energie. Während der drei Jahre Schichtdienst hatte ich Schlafstörungen und habe sehr unregelmäßig gegessen. Dadurch habe ich zugenommen und war unzufrieden mit mir und meinem Körper. Beides hat sich deutlich verbessert, seitdem ich regelmäßige Arbeitszeiten habe.

Wie waren die Rahmenbedingungen des Jobs? Blicken wir vielleicht erst einmal auf das Gehalt.  

Maria: Das Gehalt ist bei uns Ärzt*innen bekanntermaßen sehr gut. Wir müssen davon zwar unsere Krankenversicherung komplett selbst zahlen, aber man kann sich wirklich nicht beschweren. Das gibt für die Zeiten außerhalb der Arbeit finanzielle Flexibilität und man kann sich auch regelmäßig belohnen, beispielsweise mit einem tollen Urlaub oder einem guten Essen.

Elisabeth: Gehalt in der Gastro ist immer ein Thema. Möchte man in diesem Job wirklich alt werden und eine Familie gründen, muss sich auch hier etwas ändern. Ohne einen verlässlichen Partner könnte man Kinder weder zeitlich noch finanziell sorgenfrei großziehen. Und wenn, wie in meinem Fall, die Familie nicht mal in der Nähe wohnt hat man eigentlich keine Chance.

In Deutschland müssen mindestens elf Stunden Ruhezeit eingehalten werden, bevor Arbeitnehmende ihre Tätigkeit wieder aufnehmen dürfen. War dies in eurem Fall immer gegeben?

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Maria: Besonders bei den Zwölf-Stunden-Schichten am Wochenende war das schwer. Die Übergabe erfolgt immer nur an eine*n Kolleg*in und dies passiert in der Regel nach offiziellem Schichtende. Hatte ich an einem Sonntag erst um 22/23 Uhr Schluss, musste ich trotzdem häufig am Montag wieder um 7:45 vor Ort sein. Das hat sich heute aber zumindest in unserem Haus etwas verbessert.

Elisabeth: In der Gastronomie sind es sogar nur 10 Stunden. Auf jeden Fall war das damals so. Da wir teilweise aber 12 bis 13 Stunden gearbeitet haben, war das häufig nicht möglich. Das wird generell stillschweigend hingenommen. Sollten Mitarbeitende diesen Missstand mal ansprechen, würde man ihnen sagen, dass sie sich den falschen Job ausgesucht haben.

Wie halten Menschen das auf Dauer aus?

Elisabeth: Gar nicht. Ich habe Fälle gesehen, in denen es bereits in der Frühschicht mit einem Glas Sekt los ging – jeden Morgen. Abends wird bereits während der Schicht getrunken und auch Drogen sind in der Branche nichts Unübliches. Ich wüsste auch nicht, wie das anders auszuhalten wäre. In leitenden Positionen ist es vielleicht noch einfacher. Wenn beide Partner*innen im Schichtdienst arbeiten, können sie sich jeweils so einteilen, dass immer jemand die Kinder betreuen kann. Dann bleibt die Beziehung aber ganz schön auf der Strecke.

Maria: Die Schichten werden mit der Zeit besser. Bei jungen Ärzt*innen wird davon ausgegangen, dass sie keine Familie haben und deshalb diesen Lebensstil fahren können. Später werden Arbeitszeiten regelmäßiger oder man sucht sich ein Feld, in dem mehr Vereinbarkeit möglich ist.

Warum habt ihr so lange unter diesen Umständen gearbeitet?

Elisabeth: Mir hat der Job großen Spaß gemacht. Ich hatte immer tolle Kolleg*innen und viel Abwechslung im Alltag. Ich wäre nicht neun Jahre geblieben, wenn ich mich nicht wohlgefühlt hätte. Mein Fokus im Leben hat sich irgendwann verändert, dann war es Zeit für einen Wechsel.

Maria: Menschen geht es auf Grund meiner Arbeit besser oder wenigstens weniger schlecht. Das ist für mich der Grund und Antrieb für meine Arbeit. Natürlich geht es mir jetzt besser als noch vor einem Jahr im Schichtdienst. Es gab Zeiten, in denen ich sehr mit dem Arztberuf gehadert habe. Aber ich bin dankbar für die Erfahrungen. Hier an der Uniklinik habe ich an Fällen gearbeitet, die ich in anderen Häusern nie gesehen hätte. Ich baue eine Expertise und ein Fachwissen auf, was nur bei Maximalversorgern möglich ist, dafür nimmt man die Einbußen in Kauf. Und ich wusste immer, dass es nicht auf Dauer so weiter geht. Die Facharztausbildung ist lang, aber danach hat man bessere Schichten und mehr Vereinbarkeit ist möglich.

Wie stellt ihr euch eure Zukunft vor?

Elisabeth: Ich würde theoretisch wieder zurück in meinen Ausbildungsberuf als Hotelfachfrau gehen, aber dann müssen meine Kinder groß sein und es müsste sich am Gehalt etwas ändern. Im Augenblick wüsste ich nicht, wie wir das sonst managen sollten, Mein Freund ist selbstständig und der Kindergarten macht jeden Tag um 17 Uhr zu. Da kann ich doch keine 12-Stunden-Schichten schieben.

Maria: Ich weiß es noch nicht. Erst mal muss ich meinen Facharzt fertig machen. Danach könnte ich mir eventuell vorstellen, in Teilzeit zu arbeiten. Als Ärztin brauche ich auf jeden Fall einen Partner, der flexibler ist als ich und auch mal zurückstecken kann, zumindest zeitlich. Aber wo ich mal beruflich lande, weiß ich noch nicht genau. Auf jeden Fall nicht als Chefärztin in einer Klinik. Das ist sicher.  

Abschließend zusammengefasst- was sind die größten Probleme in der Arbeitszeit und wie könnten sie verbessert werden?

Elisabeth: Die Schichtpläne kommen sehr kurzfristig, das ist einfach unflexibel. Wenn sie wenigstens zwei Wochen vorher kämen, wäre das eine große Hilfe. Zudem ist die Personaldecke in der Gastro oft sehr dünn, wenn da mal jemand krank ist, deckt der Rest das ab. Oft ist das mit deutlich mehr Stress und zeitlichem Aufwand verbunden. Da kann einfach keine Rücksicht auf persönliche Bedarfe genommen werden.

Wir leben eben in einer schnelllebigen Welt. Menschen entscheiden sich von einem Tag auf den anderen dazu spontan wegzufahren, einen Tagungsraum zu buchen etc. Hotels leben von einer hohen Auslastung, können aber nicht immer entsprechend besetzt werden. Die Kurzfristigkeit in der Planung der Gäste spiegelt sich in unseren Schichtplänen wider.

Maria: Schichtdienste sind zehrend und verlangen Ärzt*innen viel ab. Auch hier spüren wir den Ärzt*innenmangel und es wäre schön, die Last auf mehrere Schultern zu verteilen. Wir haben mal unser Schichtsystem überdacht, aber wir hatten einfach zu wenige Assistenzärzt*innen. Im Idealfall arbeitet mehr Personal in kürzeren Schichten. Das führt wiederum dazu, dass Informationen zu den Patien*innen verloren gehen und sich dies negativ auf deren Versorgung auswirken kann. Und die beste Patient*innenversorgung steht im Klinikalltag immer im Vordergrund.

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Sophie ist HR Business Partnerin mit Leib und Seele. Ein gutes Arbeitsumfeld bedeutet für sie vor allem eins: Förderung von Selbstverantwortung. Mit ihren Erfahrungen als freie HR-Beraterin und unternehmensinterner HR Business Partnerin gibt Sophie Input zu Möglichkeiten der modernen Unternehmensgestaltung und setzt sich bei nine to life mit den Sichtweisen und Standpunkten von Unternehmen auseinandersetzen. LinkedIn | Website

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