Blick in die Praxis, Magazinausgabe #3, Struktur & Kultur
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Mentale Gesundheit von Mitarbeitenden fördern (1/3): Mittwald

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Unsere Arbeitswelt ist schnell geworden. So schnell, dass der Geist von Arbeitnehmer:innen oft hilflos hinterherstolpert. Psychische Erkrankungen sind inzwischen die zweithäufigste Diagnosegruppe bei Krankschreibungen und Arbeitsunfähigkeit. Dass die mentale Gesunderhaltung von Mitarbeiter:innen eine wichtige Managementaufgabe ist, liegt auf der Hand. Gesetzlich vorgeschrieben ist sie ohnehin. Aber was können Unternehmen konkret tun? Und lassen sich Mitarbeiter:innen überhaupt auf die Auseinandersetzung mit ihrer psychischen Gesundheit ein? Ich habe in verschiedenen Organisationen nach Antworten gesucht – beim mittelständischen Webhoster Mittwald wurde ich als erstes fündig.

Ich bin mit Rebecka Karsten, Personalerin und Recruiterin bei Mittwald, verabredet. Mittwald, das sind rund 180 Mitarbeiter:innen, die „in der Provinz den Traum vom Silicon Valley leben“. Ursprünglich als klassisches Unternehmen gestartet, setzt Mittwald inzwischen auf agile sinnstiftende Teamarbeit. Nachhaltigkeit ist ihr moralischer Antrieb – wer bei Mittwald hostet, tut dies nämlich klimaneutral.

Rebecka Karsten ist seit dreieinhalb Jahren gemeinsam mit zwei Kolleg:innen für das Thema Gesundheit bei Mittwald verantwortlich. „Mit Sportgruppen fing bei uns alles an, inzwischen sind sie nur noch ein kleiner Teil in einem großen Maßnahmenpaket“, berichtet sie mir. Sie hätten sich vor einigen Jahren aus der Belegschaft heraus gebildet. Alles Organisatorische übernehmen die Mitarbeiter:innen, die Personalabteilung kümmert sich um das Finanzielle und um die Kommunikation ins Unternehmen hinein. „Die bestehenden Angebote sind beispielsweise in unserer Onboarding-Broschüre für neue Mitarbeiter:innen aufgeführt. Außerdem hat jede Sportgruppe einen eigenen Slack-Channel.“

Gesundheit bedeute für Mittwald aber deutlich mehr als Sport, berichtet Rebecka Karsten weiter. Es ginge auch um das psychische Wohlbefinden. „Wie wichtig es ist, in diesem Bereich zu unterstützen, haben uns unsere jährlichen Gesundgespräche deutlich gemacht. Wir haben darin nachgefragt, welche Tipps und Anliegen die jeweilige Person in Sachen Gesundheit hat. Die Themengebiete Achtsamkeit und Mindfulness sowie Ernährung haben das Feedback in den letzten Jahren dominiert. Daraus haben wir für uns dann die Aufgabe abgeleitet, genau dazu etwas zu tun.“

Ende 2018 hatte die Personalabteilung damit begonnen, ein Mindfulness-Programm zu entwickeln. Schnell sei deutlich geworden, dass dieses Programm sehr facettenreich sein muss. „Es gab Kolleg:innen, die sehr offen und interessiert auf unser Vorhaben reagiert haben, andere wollten damit gar nichts zu tun haben. Wir haben dann geschaut, dass das Programm möglichst für jeden etwas bietet.“ 

Gesundheitsförderung im Unternehmen: Aktive Pausen und Ackerwirtschaft

Konkret wurden beispielsweise die gewöhnlichen Schokoriegel in den Snackstationen durch eine vegane, fair gehandelte, zuckerreduzierte Variante ersetzt und eine Salatbar dafür eingeführt. Sie wird von einem Cateringdienst täglich frisch bestückt. Wer sie in Anspruch nimmt, zahlt 3.50 Euro pro Person pro Mahlzeit. 50 Cent trägt der:die Mitarbeiter:in, 3 Euro übernimmt Mittwald. Ein anderes Angebot: die Aktivpause. Vor Corona gestaltete ein Physiotherapeut zweimal in der Woche für Interessierte eine bewegte Mittagspause mit unterschiedlichen Übungen. „Das hatte sich sehr gut etabliert. So gut, dass wir es auch jetzt, im pandemiebedingten Home Office, eigeninitativ weiterführen. Eine Kollegin lädt zum Beispiel regelmäßig zu Yoga-Pausen ein. Diese Pause gilt als Arbeitszeit.“

Überhaupt hätte das Thema „Soziale Interaktion im Lockdown“ einige Kolleg:innen so sehr bewegt, dass sich aus einer Arbeitsgruppe heraus Feierabendgruppen entwickelt haben:  

–     der Buch-Club „mittlesen“ mit 19 Teilnehmenden.

–   wöchentliche remote stattfindende Kochabende: Jede Woche übernimmt ein:e Mittwälder:in die Leitung, legt ein Rezept fest, teilt die Einkaufsliste und moderiert durch den Abend. Im Anschluss wird gemeinsam gegessen. 

–  wöchentliche remote stattfindende Spieleabende: Favoriten sind derzeit Among us und Codenames

–   eine App-basierte Laufgruppe, mit der sich Kolleg:innen gegenseitig für mehr Bewegung motivieren. Es gibt verschiedenen Community-Funktionen. Im Januar haben 18 Teilnehmer:innen gemeinsam 401 km zurückgelegt. 

Die Gruppen organisieren sich über Slack und werden in einem Outlook-Kalender festgehalten.“Das Beispiel zeigt: Es muss nicht immer kompliziert und aufwendig sein. Auch kleine Maßnahmen können einen großen Einfluss haben.“

Bei anderen Plänen machte Corona Rebecka Karsten und ihrem Team allerdings einen dicken Strich durch die Rechnung. „Wir wollten unter anderem unser Fitnessprogramm mit einem professionellen Anbieter ausbauen. Das liegt derzeit natürlich auf Eis. Dafür hoffen wir, dass wir uns in diesem Jahr wie geplant dem Projekt Ackerhelden anschließen können, bei dem Mitarbeiter:innen ein eigenes Gemüsebeet auf dem Firmengelände bewirtschaften können.

Gesundheitsförderung im Unternehmen: Workshop Ressourcenmanagement

Das größte Vorhaben, das Rebecka Karsten trotz Pandemie bald in die Umsetzung bringen möchte:  den Workshop „Psychisches Gesundheits- & Ressourcenmanagement“. Er war für März 2020 geplant, 60 der 180 Kolleg:innen hatten sich angemeldet. Nun wird über eine remote stattfindende Variante nachgedacht. „Bei solch einem sensiblen Thema ist der digitale Übertragungsweg allerdings kein idealer.“ Ob am Ende online oder oder offline – auf Grundlage eines bekannten Fragebogens, der arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebensmuster sichtbar machen kann, soll der Workshop allen Teilnehmer:innen ermöglichen, ihre Verhaltensmuster und darin liegende Risiken klarer zu erkennen. 

„Gesundheit bedeutet für uns auch psychisches Wohlbefinden“

Rebecka Karsten
Mentale Gesundheit Rebecka Karsten Mittwald

„Wie gehe ich mit Misserfolgen um? Wieviel Leidenschaft habe ich gegenüber dem, was ich tue? Wie sehr bin ich bereit, mich zu verausgaben? Kann ich mich gut distanzieren? Es ist wichtig, die Antworten auf diese und andere Fragen zu kennen. Denn dann weiß ich, wo Gefahren für mein Wohlergehen lauern“, so die Mittwald-Personalerin. „Wenn jemand beispielsweise bereit ist, viel und leidenschaftlich zu arbeiten, aber sich schlecht distanzieren kann und eine verminderte Widerstandsfähigkeit aufweist, ist das ein Knackpunkt. Wenn man das aber weiß, kann man etwas für die eigene Distanzierungsfähigkeit tun.“

Gesundheitsförderung im Unternehmen: Pandemie-Erfahrungen verarbeiten

Aktuell ist das HR-Team allerdings am meisten damit beschäftigt, die mit dem Home Office einhergehenden Herausforderungen zu begleiten und aus den in der Pandemie gemachten Erfahrungen zu lernen. Sie bilden sich selbst fort, unter anderem, um eine gute Remote-Feedbackkultur zu etablieren. Und sie sind mit dem Ohr wieder eng am Mitarbeitenden, fragen systematisch die Erfahrungen und Wünsche der Belegschaft ab. 

„Manche berichteten uns, dass sie gar nicht mehr abschalten können im Home Office, manche haben nachts gearbeitet, einige haben drastisch Überstunden angehäuft, andere konnten nicht mehr ungestört arbeiten, weil Kinder zuhause betreut werden mussten“, zählt Rebecka Karsten auf. „Wir müssen also schnell lernen, wie wir mit der Entgrenzung und neuen Flexibilität umgehen können. Gerade wenn wir mobiles Arbeiten auch über die Pandemie hinaus anbieten wollen, müssen wir systematisch Kompetenzen ausbauen. Wir haben bereits  eine Veränderung auf der strukturellen Ebene, was wir nun benötigen ist eine innere Weiterentwicklung.“


Zweiten und dritten Teil der Artikelserie lesen:

Teil 2: Wie die Geschäftsführerin eines Malerbetriebs mehr Achtsamkeit ins Handwerk bringt

Teil 3: Wie BLINKIST mit externer Hilfe die mentale Belastung in Teams verringern will

Kategorie: Blick in die Praxis, Magazinausgabe #3, Struktur & Kultur

von

Sandra Lachmann

Eltern können keine verantwortungsvolle Position ausüben und gleichzeitig ihr Familienleben jongliere? „Von wegen!” meint Sandra. Wenn Unternehmen entsprechende Rahmenbedingungen bieten, klappt das ihrer Ansicht nach ganz wunderbar. Bei nine to life macht die Bremer Kommunikationsexpertin Bedürfnisse berufstätiger Eltern sichtbar, gibt Gedankenanstöße, wie Organisationen ihren Arbeitsalltag familienfreundlicher gestalten können, und widmet sich dem Thema Mentaler Gesundheit. Außerdem verantwortet sie die Projektkommunikation. LinkedIn | Instagram | Website

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