Blick in die Praxis, Magazinausgabe #3, Struktur & Kultur
Kommentare 2

Mentale Gesundheit von Mitarbeitenden fördern (2/3): hand-werk zwei

durchschnittliche Lesedauer 3 Minuten

Unsere Arbeitswelt ist schnell geworden. So schnell, dass der Geist von Arbeitnehmer:innen oft hilflos hinterherstolpert. Psychische Erkrankungen sind inzwischen die zweithäufigste Diagnosegruppe bei Krankschreibungen und Arbeitsunfähigkeit. Dass die mentale Gesunderhaltung von Mitarbeiter:innen eine wichtige Managementaufgabe ist, liegt auf der Hand. Gesetzlich vorgeschrieben ist sie ohnehin. Aber was können Unternehmen konkret tun? Und lassen sich Mitarbeiter:innen überhaupt auf die Auseinandersetzung mit ihrer psychischen Gesundheit ein? Nachdem ich mit dem agil arbeitenden Webhoster Mittwald über diese Fragen gesprochen habe, habe ich in einer ganz anderen Branche nach Antworten gesucht: im Handwerk.

Gesundheitsförderung im Handwerk: Weniger Termindruck, mehr Austausch 

Dazu telefoniere ich mit Nicole Karger. Sie leitet gemeinsam mit ihrem Kollegen Detlef Stolze den achtköpfige Malerhandwerksbetrieb hand-werk-zwei, der sich auf Wohngesundheit spezialisiert hat. Von ihr möchte ich wissen, welche Stressfaktoren es in ihrer Branche gibt. „Im Wesentlichen sind das drei“, antwortet mir die Dortmunderin. „Der Termindruck, der große kommunikative Abstimmungsbedarf auf den Baustellen und der Facharbeiter:innenmangel, der es oft nicht ermöglicht, Arbeiten mit gutem Gewissen zu delegieren und dann aus dem Kopf zu streichen. Wenn qualifizierte Kräfte fehlen, bleibt die Verantwortung auf den Schultern derer, die fachspezifisch ausgebildet sind.“ 

Seit 2011 setzt sich Nicole Karger dafür ein, diesen Stress innerbetrieblich so gering wie möglich zu halten. Aus leiderprobter Überzeugung. Denn nach der Gründung von hand-werk zwei haben Detlef Stolze und sie den Stress vor allem an sich selbst gespürt. Über 60 Arbeitsstunden pro Woche waren bei vollen Auftragsbüchern keine Seltenheit. Schnell entschied das Führungsteam, dass es den damit einhergehenden Stress nicht über Jahrzehnte haben möchte. Beide begannen privat mit einem mehrmonatigen Achtsamkeitsseminar – und merkten, wie sich ihr Umgang mit hoher Belastung tatsächlich veränderte. „Da war uns schnell klar: Das müssen wir auch unseren Mitarbeitenden ermöglichen.“

Deren Reaktion: Ernüchternd. „Das Team war nicht unbedingt begeistert. Damals waren Begriffe wie Achtsamkeit, Yoga und Selbstfürsorge noch nicht so en vogue wie heute. Und man darf nicht vergessen, dass wir es fast ausschließlich mit Männern im Handwerk zu tun haben.  Ein rauer Ton in Handwerksbetrieben und auf Baustellen ist normal, weichere Töne und Themen sind ungewohnt.“ Doch Nicole Karger gab nicht auf. „Streng genommen, habe ich das Team gezwungen“, schmunzelt sie.

Gesundheitsförderung im Handwerk: Mach mal Pause!

In den kommenden Jahren tat sich unter ihrer Federführung eine Menge. Die Besprechungskultur wurde so weiterentwickelt, dass alle im Team regelmäßig Gelegenheit bekamen, sich einzubringen. Was im Kontext von Bürojobs nicht ungewöhnliches ist,  kommt im Handwerk einer kleine Revolution gleich. „Sich zusammenzusetzen und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten ist in vielen Handwerkbetrieben nicht etabliert“, berichtet Geschäftsführerin Karge. „Da bekommen die Handwerker:innen einfach zu Beginn des Arbeitstages eine Liste mit Aufgaben und fertig.“ Mitsprache und Rückkopplung seien häufig nicht gewünscht. Dementsprechend  hätte man den Mitarbeitenden anfangs „alles aus der Nase ziehen müssen“, inzwischen seien diese Gespräche aber deutlich lebendiger. 

Auch die Pausenkultur folgt einer klaren Leitlinie: „Auszeiten sind bei uns in Ordnung, wir erachten sie vielmehr als notwendig für gute Leistung“, so Karger. „Bei uns muss niemand acht Stunden durcharbeiten ohne mal zu verschnaufen. Denn was für kreative Arbeit gilt, gilt auch bei körperlicher Arbeit: Nach einer Pause widmet man sich Aufgaben wieder mit einer neuen Haltung, manchmal sogar mit einer neuen Idee.“ Dementsprechend  sei es für ihren Mit-Geschäftsführer Detlef Stolze, der oft vor Ort auf den Baustellen ist, selbstverständlich, mit dem Team auch mal eine kleine Kaffeepause einzulegen und zu schnacken.

„Es geht doch um die Gesundheit der eigenen Mitarbeiter:innen – wie kann einem das egal sein?“

Nicole Karger
mentale gesundheit handwerk Nicole Karger hand-werk-zwei

Als wiederkehrendes Instrument, um die körperliche und mentale Gesundheit im Team zu schützen, nutzt hand-werk zwei außerdem Angebote der IKK. Auch für kleine Betriebe bietet die Krankenkasse Inhouse-Schulungen zu Gesundheitsthemen an.  Zeitaufwand: Vier Wochen lang je ein Nachmittag pro Woche. Nicole Karge organisiert diese Schulungen regelmäßig. „Wir müssen ja lediglich Zeit abzwacken, ansonsten kostet uns das nichts. Ich verstehe überhaupt nicht, warum so viele Betriebe dieses Angebot nicht wahrnehmen. Es geht doch um die Gesundheit der eigenen Mitarbeiter:innen – wie kann einem das egal sein?“

Gesundheitsförderung im Handwerk: Körperliche Arbeit erleichtern

Dass sie irgendwann einmal mit ihren Vorgesetzten im Rahmen einer solchen Schulung in der Betriebsküche gesunde Pausenbrote zubereiten würden, hätten die Mitarbeitenden vermutlich zu Beginn ihrer Tätigkeit für hand-werk zwei nicht gedacht.  „Vor solchen Schulungen hält sich die Begeisterung immer mal wieder in Grenzen, hinterher gibt es aber immer positives Feedback. Ich gehe daher sportlich mit den Widerständen um. Weil ich merke, dass sich etwas verändert. Es ist ein stetiger Prozess.“ Wichtig sei, dranzubleiben, so Karge. Immer wieder neu zu justieren.

Und wichtig sei auch, mit solchen Maßnahmen nicht über schlecht organisierte Rahmenbedingungen hinwegtäuschen zu wollen. „Es liegt natürlich auch in unserer Verantwortung, den Mitarbeitenden die körperlich sehr schwere Arbeit zu erleichtern. Wir haben deshalb einige Hilfsmittel im Einsatz. Beispielsweise Winden, mit denen Material nach oben gezogen werden kann, damit unsere Teams nicht alles selbst schleppen müssen. Ist keine teure Sache und eigentlich sehr naheliegend, aber Sie glauben ja gar nicht, wie viele Betriebe ihren Mitarbeiter:innen so etwas nicht anbieten.“ 

Überhaupt, so sagt sie, sei es schwer nachzuvollziehen, was Fachkräfte in der Handwerksbranche manchmal freiwillig ertragen, obwohl sie kreuzunglücklich sind. „Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir eine andere Firma sein wollen. Eine, in der Menschen gesund alt werden können.“ Der Blick auf den enorm geringen Krankenstand und die hohe Produktivität zeige, dass das derzeit gelingt. Aber für Nicole Karger ist auch etwas ganz anderes ein Beweis dafür, dass sie in den vergangenen zehn Jahren interner Skepsis zum Trotz eine Atmosphäre geschaffen hat, die den Einzelnen mental gut unterstützt: „Mitarbeitende wenden sich auch mit privaten Nöten  ab und zu an uns. Das zeugt von Vertrauen.“


Zweiten und dritten Teil der Artikelserie lesen:

Teil 1: Wie der Kommunikationskanal Slack bei Mittwald die Gesundheitsförderung unterstützt

Teil 3: Wie BLINKIST mit externer Hilfe die mentale Belastung in Teams verringern will

Kategorie: Blick in die Praxis, Magazinausgabe #3, Struktur & Kultur

von

Sandra Lachmann

Eltern können keine verantwortungsvolle Position ausüben und gleichzeitig ihr Familienleben jongliere? „Von wegen!” meint Sandra. Wenn Unternehmen entsprechende Rahmenbedingungen bieten, klappt das ihrer Ansicht nach ganz wunderbar. Bei nine to life macht die Bremer Kommunikationsexpertin Bedürfnisse berufstätiger Eltern sichtbar, gibt Gedankenanstöße, wie Organisationen ihren Arbeitsalltag familienfreundlicher gestalten können, und widmet sich dem Thema Mentaler Gesundheit. Außerdem verantwortet sie die Projektkommunikation. LinkedIn | Instagram | Website

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.