Führung, Gastbeiträge #1
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Führen auf Distanz: Behalte Eure Stärken im Blick

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In vielen Unternehmen waren Führen auf Distanz und virtuelle Zusammenarbeit lange kein Teil des Arbeitsalltags. Die Corona-Pandemie hat die Präsenzarbeit im Firmenbüro jedoch auf den Prüfstand gestellt und die Frage aufgeworfen, ob das ortsunabhängige Arbeiten als dauerhafter Status quo realistisch erscheint. Wie auch immer die Antwort am Ende ausfällt, eins könnte bei der Umsetzung definitiv helfen: ein stärkenbasierter, authentischer Führungsstil.

Die Corona-Pandemie hat Führung, wie wir sie klassischerweise kennen, auf den Kopf gestellt. Führung auf Distanz wurde in fast allen Unternehmen zum neuen Status quo. Laptops wurden angeschafft, viele Arbeitnehmer*innen ins Home-Office geschickt und Führungskräfte mussten von heute auf morgen auf digitale Teammeetings umsteigen. Mittlerweile haben einige Organisationen ihre Mitarbeiter*innen wieder in die Firmenbüros zurückgeholt, bei anderen wird über die Beibehaltung der virtuellen Zusammenarbeit diskutiert (für diese Diskussion kann der arbeitsrechtliche Artikel zum Home Office von Mareike übrigens sehr wertvoll sein).

Virtuelle Zusammenarbeit braucht neue Führungskompetenzen

Viele Führungskräfte stelle sich die Frage, inwieweit das ortsunabhängige Arbeiten und somit das Führen auf Distanz auch auf Dauer gelingen kann. Die Flexibilisierung des Arbeitsortes bietet nämlich auch zahlreiche Vorteile, die einige Organisationen durchaus beibehalten wollen. Zahlreiche Arbeitnehmer*innen lernten es unter anderem zu schätzen, dass Arbeitsweg und Pendeln wegfallen und somit auch Arbeitszeiten an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden konnten.

Virtuelle Zusammenarbeit erfordert jedoch auch neue Führungskompetenzen, da das Führen auf Distanz von Führungskräften meist als anspruchsvoller empfunden wird. Herausforderungen liegen in der Förderung des Teamzusammenhalts und des Wir-Gefühls, in der Aufrechterhaltung einer effektiven Kommunikation sowie darin, dass die (vermeintliche) Kontrolle über die Mitarbeiter*innen verloren geht und mehr Vertrauen gefragt ist.

In vier Schritten zur stärkenorientierten Führung

Um das Führen auf Distanz erfolgreich umzusetzen, kann es hilfreich sein, auf einen stärkenbasierten Führungsstil zu setzen. Basierend auf dem Ansatz der Positiven Psychologie setzt diese Art des Führens darauf, eigene Stärken und Stärken der Mitarbeiter*innen zu identifizieren und einzusetzen. Durch den Fokus auf Stärken wird Führung authentisch und erhöht die Selbstwirksamkeit der Führungskraft und der Teammitglieder, also die Überzeugung auch herausfordernde Situationen erfolgreich bewältigen zu können. Ein positives Betriebsklima, auch auf Distanz, trägt zur Vertrauensbildung unter den Arbeitskolleg*innen bei und stärkt den Zusammenhalt.

Wie kann es Führungskräften nun gelingen, stärkenorientierte Führung umzusetzen? Hierfür kann es hilfreich sein, sich die folgenden vier Fragen zu stellen, um herauszuarbeiten, wie das Führen auf Distanz auf Basis der eigenen Stärken gelingen kann.

Was zeichnet mich aus?

Die Basis eines stärkenbasierten Führungsstils ist es, die eigenen Stärken zu kennen. Es gilt, sich bewusst zu machen, wo natürlicherweise eigene Talente und Begabungen liegen. Hier können zwei Herangehensweisen gewählt werden: Schreib für die erste Möglichkeit alles auf, was Du gut kannst und was Dir leicht fällt. Entwirf ein reflektiertes Selbstbild Deiner eigenen Stärken. Dieses Selbstbild kann noch einmal mit einem Fremdbild abgeglichen werden. Alternativ kann es als zweite Möglichkeit auch hilfreich sein, einen wissenschaftlich fundierten Persönlichkeitstest zu absolvieren, um ein differenziertes Selbstbild zu erhalten.

In einem zweiten Schritt empfehle ich, Stationen aus der eigenen Biographie herauszuarbeiten, in denen man persönlich gewachsen ist, die man erfolgreich bewältigt hat und die einen geprägt haben. Die Beschäftigung mit der eigenen Lebensgeschichte wirkt bestärkend, wenn man sieht, wie man an Lebenserfahrung gewonnen hat, die man nun auch in neuen herausfordernden Situationen einsetzen kann. Dabei ist auch die Frage wichtig, welche Stärken Sie durch die Bewältigung dieser Situationen entwickeln konnten. 

Reflektiere im Anschluss, wie Deine so definierten Stärken Dein eigenes Führungsverhalten unterstützen können. So kann es sein, dass Du feststellst, dass Du in einer früheren herausfordernden Führungssituation durch Dein gutes Gespür für Menschen und gute Kommunikation das Vertrauen des Teams erhalten konnte, was Dir nun auch beim Führen auf Distanz helfen kann. Oder Du erkennst ein ausgeprägtes Organisationstalent, das Dir nun beim vermehrten Koordinierungsaufwand im virtuellen Team zugutekommt. Wichtig ist zu verstehen, dass Stärkenbasierung dazu führen sollte, dass Du einen Führungsstil findest, der zu mir passt und gerade dadurch Effektivität entfaltet. Somit ist die eigene Selbsterkenntnis der Ausgangspunkt.

Wo finde ich Unterstützung in meinem Umfeld?

Stärkenbasierte Führung bedeutet auch, begünstigende Ressourcen im eigenen Umfeld zu finden und zu nutzen. Das eigene Umfeld kann sich dabei auf die Organisation beziehen, in die man eingebettet ist, aber auch auf Vorbilder, Mentor*innen oder Unterstützer*innen, die einen im eigenen Tun bestärken. Überlege Dir, wer oder was dies in Deinem Umfeld sein könnte. So kannst Du beispielsweise Unterstützung finden beim unternehmensinternen IT-Team, das gut ansprechbar ist und die notwendige Infrastruktur für die virtuelle Zusammenarbeit zur Verfügung stellt. Alternativ kann es auch der*die eigene Vorgesetzte sein, der*die das Führen auf Distanz befürwortet und beim guten Übergang begleitet.

Unterstützung kann auch außerhalb der Organisation gefunden werden, zum Beispiel in Form eines*r Mentor*in oder Coachs, der*die Raum zum Reflektieren bietet und als Sparringspartner*in agiert. Du kannst auch darüber nachdenken, mit gleichgesinnten Kolleg*innen innerhalb der Organisation oder unternehmensübergreifend eine Mastermind-Gruppe zu gründen, um in den regelmäßigen Austausch zu gehen und aktuelle Herausforderungen mithilfe der kollegialen Fallberatung zu bearbeiten. Das Schaffen eines begünstigenden Umfelds trägt dazu dabei, mit neuen Herausforderungen besser zurechtzukommen.

Wie gehe ich mit Herausforderungen um?

Wenn Du bisher noch unerfahren im Führen auf Distanz ist, ist es hilfreich, zu reflektieren, wie Du mit Herausforderungen umgehst. Wie verhältst Du Dich, wenn neue und unerwartete Situationen auftreten? Wie gehst Du mit Schwierigkeiten um? Was tust Du, wenn Fehler passieren? Der Entwicklung von Selbstwirksamkeit geht Selbstaufmerksamkeit voraus. Wie geht es mir, wenn nicht alles glatt läuft? Und als Führungskraft ist es besonders wichtig, zu überlegen, wie man dann in diesen Situationen mit Kolleg*innen und Teammitgliedern kommuniziert.

Es gilt, Strategien zu entwickeln, um positiv mit Herausforderungen umzugehen. Gerade zu Beginn der virtuellen Zusammenarbeit kann nicht immer alles reibungslos funktionieren. Insbesondere die kommunikativen Abstimmungsprozesse müssen neu gestaltet werden. Neue Kommunikationsregeln werden aufgestellt und das Team spielt sich im neuen virtuellen Rahmen erst sein. Für Vertrauensbildung und Transparenz im Vorgehen werden mehr Kommunikation und eine positive Fehlerkultur nötig sein. Das eigene Emotionsmanagement aber auch die Teamresilienz sind hier gefragt und sollten durch Reflexionsphasen unterstützt werden. Überlege Dir, auch mit dem Team gemeinsam, was Dir und Deinen Mitarbeiter*innen beim positiven Umgang mit der neuen Situation helfen kann.

Wann bin ich authentisch überzeugend?

Zu guter Letzt solltest Du Dir auch überlegen, wie und wann Du authentisch überzeugend wirkst. Dies wird schon an der Mediennutzung sichtbar. Nutzt Du gerne Präsentationsfolien, um Dinge zu untermauern, oder bist Du eher der Typ, der in Aktion am Flipchart oder Whiteboard glänzt? Bist Du vor allem in Teammeetings überzeugend oder gehst Du lieber ins Einzelgespräch? Nutze dieses Wissen, um Deine Teammitglieder mitzunehmen und das Vertrauen in Deine Führung zu stärken.

Zu Beginn kann es hilfreich sein, verschiedene Dinge auszuprobieren und unterschiedliche Kommunikationskanäle zu nutzen. Mit der Zeit werden sich geeignete Kommunikationsmethoden herauskristallisieren. Bleibe aber auch hier in der Reflexion. Gerade bei virtuellen Teams ist es wichtig, alle mitzunehmen, um kein Teammitglied emotional zu verlieren. Nutze Kommunikation also auch, um die Selbstaufmerksamkeit der Mitarbeiter*innen zu fördern, so dass auch diese adäquat auf ihre jeweiligen Bedürfnisse reagieren und ihre persönlichen Stärken nutzen können.

Zum Nachdenken & Nachmachen

  • Setze bei der Etablierung von Führen auf Distanz als neuen Status quo auf einen stärkenbasierten Führungsstil, der Dir den Übergang erleichtern kann
  • Arbeite Deine natürlichen und erlernten Stärken heraus und reflektiere, wie Du diese beim Führen auf Distanz nutzen kannst.
  • Suche Dir ein bestärkendes Umfeld und nutze Ressourcen, um die virtuelle Zusammenarbeit zu erleichtern.
  • Überlege, wie Du mit Herausforderungen umgehst und was Dir beim positiven Umgang mit neuen Situationen helfen kann.
  • Gehen in die Selbstreflexion, um zu prüfen, wann Du authentisch überzeugend wirkst und nutzen Sie dieses Wissen konsequent.

Autorin: Jasmin Schweiger

Jasmin Schweiger, M.Sc., ist Wirtschaftspsychologin mit dem Schwerpunkt Leadership und beschäftigt sich als Führungskräftecoach und Trainerin mit der Frage, wie innovative Führung und Neues Arbeiten ausgehend von einem stärkenbasierten Führungsstil gelingen können. Dabei liegt der Fokus ihrer Arbeit darauf, die Lücke zwischen dem, was die Wissenschaft weiß, und dem, was die Wirtschaftspraxis tut, zu schließen.

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